Deutsch in Brasilien: Varietäten- und Sprachkontakt bei deutschen Sprachminderheiten

Vortrag von Sebastian Kürschner, Eichstätt. 

Auswanderungswellen aus dem deutschsprachigen Gebiet führten im 19. und frühen 20. Jahrhundert unter anderem nach Südamerika. Besonders im Süden Brasiliens zeigen sich Spuren dieser Einwanderung auf sprachlicher und kultureller Ebene bis heute mit hoher Nachhaltigkeit – heute ist die größte Gruppe von L1-SprecherInnen des Deutschen außerhalb Europas in Brasilien zu finden. Menschen wanderten aus unterschiedlichen Dialektgebieten nach Brasilien aus, was interessante Szenarien des Sprach- und Varietätenkontakts mit sich brachte, sowohl hinsichtlich des innersprachlichen Ausgleichs (Koineisierung) als auch bezüglich der umgebenden Kontaktsprachen mit Schwerpunkt beim Portugiesischen.

Im Vortrag werden – nach einer kurzen Skizze zur Migrationsgeschichte und dem allgemeinen sprachlichen Hintergrund – zwei Sprachminderheitensituationen herausgegriffen, deren Erforschung ich mich mit meinem Team widme:

  • Gruppen im Bundesstaat Rio Grande do Sul mit einem nordböhmischen Auswanderungshintergrund, die durch Wechsel des Dialekts zu einer westmitteldeutsch geprägten Varietät (Hunsrückisch) oder einer standardnahen Varietät geprägt sind
  • eine bairischsprachige Sprachminderheit in São Bento do Sul (Bundesstaat Santa Catarina), die eine bairisch-basierte Varietät bis heute bewahrt

Die Daten aus beiden Gebieten werden mit Blick auf mehrere der vielfältig relevanten Forschungsperspektiven vorgestellt, die sich aus der heutigen Sprachminderheitensituation ergeben. Dafür werden Einblicke in laufende Forschungsarbeiten zu a) sprachstrukturellen Aspekten, b) Überlegungen zu Sprach- und Varietätenkontakt und c) Fragen von sprachlicher Identität und sprachlichen Ideologien in den Sprachminderheiten gegeben.

Bio

Sebastian Kürschner ist Professor für Deutsche Sprachwissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Seine Forschungsgebiete umfassen die kontrastive Linguistik germanischer Sprachen, die historische Morphologie, die gegenseitige Verstehbarkeit nah verwandter Sprachen und Varietäten, Variationslinguistik und Sprachkontaktforschung sowie die Namenforschung.


Über „Tysk Fredag“

Die Freitagsvorträge sind für jedermann zugänglich. Sie eröffnen neue Perspektiven auf die deutsche und deutschsprachige Gesellschaft, Kultur und Geschichte und thematisieren auch deutsch-transnationale Themen. Jeder ist willkommen. Koordinator: Detlef Siegfried.

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