Handlung als Fiktion: Zur Poetologie des Handelns bei Kleist?“
Vortrag von Julian Petri, Kopenhagen.
Kaum eine Frage wird bei Kleist so oft gestellt wie diese: Was ist geschehen? Menschliches Tun unterscheidet sich dabei, vermeintlich, grundlegend von dem, was bloß geschieht. Es kann Personen als Urhebern zugerechnet und auf seinen inneren Sinn hin gedeutet werden. Ohne diese Unterscheidung gerät nicht nur die Verstehbarkeit persönlichen Erlebens und gesellschaftlichen Zusammenlebens (von individueller Strafbarkeit bis hin zu demokratischer Selbstbestimmung) ins Wanken, sondern auch das Erzählen selbst als Darstellung von Handlungen und Personen. Andererseits sind es gerade die Verfahren des Erzählens, die dieses Wanken immer wieder, wenn auch nur scheinbar, stabilisieren. Die Poetologie des Handelns ist somit ein zwar wesentlich literarisches, zugleich aber weit über die Literatur hinausweisendes Problem, das, so die These dieses Vortrags, in Kleists Texten zum zentralen Skandalon wird. Kleists Texte stellen keine gegebene Wirklichkeit von Handlungen dar, sondern machen vielmehr die erzählerischen Verfahren sichtbar, durch die Handlungen überhaupt erst aus bloßem Geschehen hervorgebracht werden – letztlich jedoch nur als prekäre Fiktionen.
Julian Petri hat in Princeton promoviert und arbeitet heute als Unternehmensberater bei ReD Copenhagen.
Über „Tysk Fredag“
Die Freitagsvorträge sind für jedermann zugänglich. Sie eröffnen neue Perspektiven auf die deutsche und deutschsprachige Gesellschaft, Kultur und Geschichte und thematisieren auch deutsch-transnationale Themen. Jeder ist willkommen. Koordinator: Detlef Siegfried.