Denken in Bewegung. Theorie, Praxis und Radikalisierung in der antiautoritären Bewegung West-Berlins
Vortrag von Benedikt Sepp, München.
Heftige Diskussionen in Kneipen und Seminarräumen, geschwenkte Mao-Bibeln auf Demonstrationen, der so suggestive wie unverständliche Soziologie-Slang von Rudi Dutschke: Der schillernde Begriff „Theorie“ ist eine der ersten Assoziationen, wenn die Rede auf die antiautoritäre Studentenbewegung kommt, die „68“ in Westdeutschland prägte.
Doch was war eigentlich „Theorie“ und warum hatte sie in den 60er Jahren einen solchen - heute kaum noch nachvollziehbaren - rauschvollen Charakter? Der Vortrag wirft jenseits von Ideengeschichte und Bewegungsforschung einen praxeologischen Blick auf die Theoriefaszination der rebellierenden Studierenden – von den vielfältigen Anfängen zu Beginn der 1960er Jahre bis in die theoretischen Versteinerungen der maoistischen K-Gruppen. „Theorie“ war für die Antiautoritären, so das Argument, nicht einfach ein Literaturgenre, sondern musste permanent in Bezug zu einer wie auch immer gearteten „Praxis“ gesetzt werden. Die aus dieser Spannung resultierende „Bewegung“ musste sich fast unausweichlich permanent radikalisieren, um in Bewegung zu bleiben. Die Geschichte der Antiautoritären wird hier also auf eine neue Weise erzählt – als von den Zugzwängen eines Denkens vorangetrieben, das über dieses Denken hinausgehen wollte.
Über „Tysk Fredag“
Die Freitagsvorträge sind für jedermann zugänglich. Sie eröffnen neue Perspektiven auf die deutsche und deutschsprachige Gesellschaft, Kultur und Geschichte und thematisieren auch deutsch-transnationale Themen. Jeder ist willkommen. Koordinator: Detlef Siegfried.