Erinnerungstheater?! – Theater als Raum zur erinnerungskritischen Aufarbeitung deutscher Geschichte
Vortrag von Carolin Millner, Halle.
Am 9. Oktober 2019 versammelten sich jüdische Menschen in der Synagoge in Halle (Saale), um den höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, zu begehen, als Schüsse auf die Tür der Synagoge fallen. Die Tür hält dem rechtsextremen Terroranschlag stand, doch zwei Menschen werden anschließend auf der Straße und in einem Dönerimbiss ermordet, weitere verletzt. Zurück bleiben Traumata und tiefer Schock bei den Betroffenen ebenso wie der Stadtbevölkerung. War die Tat ein Einzelfall? Jedenfalls nicht für die Menschen in der Synagoge: „Aber eines war ich nicht – überrascht. Ich war keine Sekunde lang überrascht. Für mich war Halle weder ein Sonder- noch ein Einzelfall.“ So ein Zitat einer Besucherin der Synagoge an diesem Tag, der durch die Räume des Neuen Theaters Halle sechs Jahre nach dem Anschlag dringt. Nach einer Reihe von Interviews mit Betroffenen, die die Regisseurin und Drehbuchautorin Carolin Millner fünf Jahre nach dem Anschlag führte, entwickelte sie das Stück „Und nächsten Mittwoch?“, welches aus dem „Versöhnungstheater“ (Max Czollek) ausbrechen soll.
Millner, die sich in ihrer Arbeit immer wieder mit Erinnerungsgeschichte auseinandersetzt, möchte in ihren Inszenierungen das Publikum dazu anregen, sich mit den eigenen und familiär verinnerlichten rassistischen, antisemitistischen und der damit integrierten Schuld auseinanderzusetzen und diese auszuhalten. Im Gespräch mit der Regisseurin und der Vorstellung einzelner Ausschnitte des benannten Theaterstücks, wollen wir erfahren, wie Theater diesen Raum der Auseinandersetzung schaffen kann und welche Rolle Geschichtstheater als Kritik an Schlussstrichdebatten spielen kann.
Über „Tysk Fredag“
Die Freitagsvorträge sind für jedermann zugänglich. Sie eröffnen neue Perspektiven auf die deutsche und deutschsprachige Gesellschaft, Kultur und Geschichte und thematisieren auch deutsch-transnationale Themen. Jeder ist willkommen. Koordinator: Detlef Siegfried.